MORDE IM GRÜNEN

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Wahrscheinlich erst im August werde ich eine nächste Lesung bestreiten. Die aber hat es in sich, spielt sie sich doch auf meiner Lieblingsbühne ab: Im Umweltzentrum Heerser Mühle in Bad Salzuflen. Zum fünften Mal heißt es dann MORDE IM GRÜNEN! Mit mir auf der Bühne stehen werden diesmal Sandra Lüpkes, Jürgen Kehrer und Sascha Gutzeit.

Sandra Lüpkes war bereits vor zwei Jahren mit mir im Mühlen-Café zu Gast und wusste das Publikum mit ihrer Lesekunst, aber auch mit Gesang zu begeistern. Sandra wurde 1971 in Göttingen geboren und verbrachte die längste Zeit ihres Lebens auf der Nordseeinsel Juist. Heute wohnt sie in Münster, wo sie als freie Autorin und Sängerin arbeitet. Mit ihren elf bereits erschienenen Romanen, zwei Sachbüchern und drei Kurzgeschichtensammlungen hat sie bereits eine Gesamtauflage von 250.000 Exemplaren erreicht. Als Dozentin von Schreibseminaren ist sie in staatlichen und privaten Einrichtungen der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig. Sandra Lüpkes ist mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor Jürgen Kehrer verheiratet und hat zwei Töchter. Im August erscheint “Götterfall”. Wencke Tydmers’ 9. Fall, bei DTV.

Jürgen Kehrer ist der Erfinder der beliebten „Wilsberg“-Krimis im ZDF. Der Autor wurde 1956 in Essen geboren und lebt seit 1974 in Münster. 1990 erschien sein erster Kriminalroman „Und die Toten lässt man ruhen“ im Grafit Verlag. Erstmals ermittelt hier der sympathische, unter chronischem Geldmangel leidende Privatdetektiv Georg Wilsberg, der ebenso wie sein Autor in Münster tätig ist. Bis 2007 erschienen 17 weitere Wilsberg-Krimis. 1995 wurde Wilsberg vom ZDF entdeckt und ist inzwischen Protagonist einer Fernseh-Krimireihe am Samstagabend. Sieben der bislang gesendeten 38 Wilsberg-Filme basieren auf Kehrers Romanen. Neben den Wilsberg-Romanen schreibt Jürgen Kehrer historische und in der Gegenwart angesiedelte Kriminalromane, Drehbücher fürs Fernsehen und Sachbücher. Nach „Wilsbergs Welt“, einer Sammlung von (nicht nur) Wilsberg-Geschichten (Grafit Verlag, 2012), veröffentlichte er zuletzt den Kriminalroman „Münsterland ist abgebrannt“ (Rowohlt Taschenbuch, 2013). Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt über 700.000 Exemplare.

Nicht nur für Spannung, sondern in gleichem Maße für Humor sorgt Sascha Gutzeit. Der Musiker, Autor und Schauspieler hat bereits zehn Alben mit eigenen Songs veröffentlicht, er steht als Schauspieler und Entertainer auf der Bühne, macht inszenierte Lesungen und schreibt Hörspiele, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten. Aktuell ist Sascha Gutzeit mit seiner musikalischen Ein-Mann-Krimikomödie „DER MÖRDER IST IMMER DER TÄTER“ auf Tournee. Sascha Gutzeit wurde 1997 mit dem Bergischen Kabarett- und Satirepreis ausgezeichnet und ist Mitbegründer des „Vollplaybacktheaters“, bei dem er von 1997 bis 2000 die Rolle des „Bob Andrews“ mimte. Außer mit mir (jaja!) teilte sich Sascha die Bühne u. a. bereits mit BAP, Jule Neigel, The Georgia Satellites, Stefan Gwildis, Manfred Maurenbrecher und The Bates und arbeitet(e) mit den Sprechern der Drei???, Thomas Danneberg, Lutz Mackensy, Daniela Hoffmann, Brigitte Grothum sowie den Schriftstellern Ralf Kramp und Kai Meyer zusammen. Sascha nahm Duette mit Hennes Bender und Wolfgang Niedecken auf, und gab allein mit seinen Programmen „Entschleuniger“ und „Langweilig“ über 350 Konzerte in ganz Deutschland. Zudem zeichnet sich Sascha für über dreißig Hörspiele als Autor, Produzent, Musiker bzw. Sprecher verantwortlich. Bei MORDE IM GRÜNEN wird Sascha Gutzeit sein aktuelles Buch vorstellen: „Tote Leichen sterben länger – Kommissar Egelmanns beste Mordfälle“.

Na ja, und ich lese am 10. August erstmals aus meinem neuen Lippe Krimi „Mörderischer Kurschatten“. Die Handlung des Romans spielt in Bad Salzuflen. Selbst das Umweltzentrum Heerser Mühle erweist sich als Schauplatz krimineller Machenschaften. Nicht auszuschließen ist, dass sich jemand der Zuhörer in dem Roman wiedererkennt. Natürlich wäre das reiner Zufall.

Klingt wie billige Werbung, meine ich aber ganz ernst: Wenn das Wetter mitspielt, gehört die MORDE IM GRÜNEN-Kriminacht zu den schönsten Sommerveranstaltungen in weitem Umkreis. Bei Regen findet die Veranstaltung übrigens unter der Remise statt. Die Anzahl der Plätze ist begrenzt, erfahrungsgemäß ist die Veranstaltung schnell ausverkauft. Für das leibliche Wohl vor, während und nach der Kriminacht sorgt das Team vom MühlenCafe.
Hier die genauen Daten im Überblick:

10.August 2013: Bad Salzuflen, Umweltzentrum Heerser Mühle, Beginn 19:30 Uhr, Tickets an der Abendkasse für 13,- €, Kartenvorbestellung unter Telefon 05222/797151 oder 05222/13131

Zeichnung von Ralf Alex Fichtner

Lesetermine 2013

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APRIL:

25.April:
Zwickau, Peter-Breuer-Gymnasium, “Mords-Unterricht” in der Aula, Lesung aus “Mord-Ost”,
Georgenstraße 3, Beginn 10: 35 Uhr

25.April:
Zwickau, Antiquariatsbuchhandlung, Lesung mit Stephan Hähnel, Andrea Gehlen, Günther Zäuner, Uwe Voehl, Hauptstr. 22,
Beginn 19:00 Uhr

26.April:
Bad Salzuflen, Gelbe Schule, Szenische Lesung aus “Mords-Muttertag” mit Ralf Kramp, Carsten Sebastian Henn und Monica Mirelli (Uwe Vohl), Beginn 19:30

28. April:
Bega, Dorfgemeinschaftshaus, Bahnhofstraße 1, HERZBLUT – die große Kriminacht gemeinsam mit den KollegINNen Andrea Gehlen, Friedo Petig, Wolfram Tewes, Jürgen Reitemeier und Gerald Hagemann. Beginn 18:00 mit Sektempfang, VVK 8,88

Die Kälte des Monieur Hire

417GdDz4IEL__SL500_Nach der verlegerischen Tat, sämtliche fünfundsiebzig Maigret-Romane und die gesammelten Maigret-Geschichten George Simenons neu herauszugeben, legt Diogenes nach: Es folgen die Non-Maigrets, die „romans durs“, allerdings nur in ausgewählter Form. Insgesamt schrieb Simenon über hundert Nicht-Maigrets unter seinem Namen. Die Diogenes-Reihe ist auf fünfzig Bände angelegt.

„Die Verlobung des Monsieur Hire“ erschien 1933, also einem Jahr, in dem bereits der Tonfilm mit Filmen wie „King Kong und die weiße Frau“ Erfolge feierte. Und doch habe ich beim Lesen die groteske Schatten-Ästhetik expressionistischer Stummfilme vor Augen. Monsier Hire könnte ich mir auch als traurigen Charly Chaplin vorstellen.

Erster Satz: „Die Concierge hüstelte, bevor sie klopfte und mit einem Blick auf den Gartenkatalog, den sie in Händen hielt, ausrief: ‚Ein Brief für Sie, Monsieur Hire!‘

Obwohl Monsieur Hire die Tür nur einen Spalt breit öffnet, erblickt die Concierge voller Entsetzen ein blutiges Handtuch. Hat sich Monsieur Hire nur geschnitten oder ist er der Täter, der für den Tod einer erst kürzlich in der Nachbarschaft ermordeten Frau verantwortlich ist?

Es ist bemerkenswert, wie Simenon diesen Monsieur Hire in der ersten Hälfte des Romans zeichnet: Als blassen Sonderling ohne Ecken und Kanten, auch physisch: Man kann an ihm „weder Muskeln noch Knochen erkennen, alles an ihm war so weich und glatt, dass auch seine Bewegungen etwas Unentschlossenes bekamen. An seinem runden Gesicht fielen einem zuerst die kräftigen roten Lippen auf, dann der gekräuselte, wie mit Tusche gezeichnete Schnurrbart und die rosigen Puppenwangen“.

Monsieur Hire erscheint dem Leser als eine Art Autist, der seine Umwelt allenfalls als „Gewühl“ wahrnimmt, unfähig, sich zu artikulieren.

Die Kälte seines inneren Empfindens begleitet den Leser das ganze Buch über auch in den äußeren Umständen: Monsieur Hire flüchtet ins „kalte Dunkel des Korridors“, nachdem die Concierge und ein Inspektor ihm aufgelauert haben. Minutiös beschreibt Simenon, wie im stets kalten Ofen in Monsieur Hires Wohnung mühsam das Feuer entfacht wird. Dabei umgeben ihn „Stille und Kälte“. Und dennoch bleibt es in seinem Zimmer „kälter als draußen“. In seinem Zimmer scheint Monsieur Hire gefangen wie im Netz einer Stimme, starr wie eine Puppe sitzt er stundenlang lauschend auf die Geräusche in den Nachbarwohnungen „als wäre er in Zeit und Raum festgewachsen“. Und je später der Abend fortschreitet, desto regungsloser verharrt Monsieur Hire, während sich „seine Zehen in den Pantoffeln vor Kälte krümmten“.

Lieblingssatz: „Er saß da wie in einem Zug, der nach nirgendwohin fährt.“

Zunächst leiden wir mit. Wir leiden mit, wenn diese bemitleidenswerte Figur regungslos in ihrem Zimmer sitzt und friert und wartet. Wir leiden mit, indem wir gewahr werden, dass sich die Gerüchteschlinge immer enger um seinen Hals zieht.

Wieso quält sich dieser Mensch? Was treibt ihn? Nun, die Geschichte des Monsieur Hire ist auch die Geschichte einer Obsession. Abend für Abend beobachtet er im erleuchteten Fenster gegenüber das Dienstmädchen Alice. Sie symbolisiert das Gegenteil seiner Kälte. „Rosige Backen“, Wärme, Hitze … gar erwiderte Liebe?

Etwa gegen Mitte des Romans, schlägt Simenon das Ruder herum. Die bislang roboterhafte Gestalt des Monsieur Hire wird mit Persönlichkeit gefüllt. In dem Moment, in dem er zu sprechen beginnt, erhält er eine Vergangenheit. Doch schon zuvor enthüllt Simenon einige Facetten des Monsieur Hire, die wir nicht vermutet hätten. Zumeist sind diese – wie seine voyeurhafte Angewohnheit, in das Zimmer des Dienstmädchens zu blicken – erotischer Natur. Nach unserem heutigen Moralempfinden erscheinen gerade diese äußerst altbacken – zumindest die moralische Entrüstung darüber.

Was bleibt, ist die bemerkenswerte Studie über einen Sonderling, der als Außenseiter gebrandmarkt wird. Und das wiederum ist ein nach wie vor hochaktuelles Thema, finde ich.

Letzter Satz: „Und in Villejuif begann man sich zu sputen, weil eine ganze kleine Welt ihre zweistündige Verspätung aufholen musste.“

Geroge Simenon: Die Verlobung des Monsieur Hire (Ausgewählte Romane Band 1)Diogenes (Zürich 2010), Pappband, 172 Seiten

Fazit: Ein äußerst beklemmender, nichtsdestotrotz beeindruckender Auftakt der Reihe. Die innere wie äußere Kälte, die einem bei der Lektüre frösteln lässt, ist allgegenwärtig.

 

Happy Halloween! Bart Simpsons Horror Show #16

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Alle Jahre wieder … möchte man sagen. Bereits zum sechzehnten Mal bescheren uns die Simpsons Gruseliges zu Halloween. Es ist heimelig in Deutschland. Die Blätter fallen gerade rechtzeitig, ein launiger Indian Summer versetzt selbst den gruftigsten Misanthrop in heitere Stimmung. Die richtige Zeit also, um mal wieder Gruselcomics zu lesen. Also machen wir es uns gemütlich! Am besten mit der Lieblingsschmusedecke und einer 800 Gramm-Dose “Hariween”-Fruchtgummi.

Es beginnt sehr klassisch mit “Nosferatu – Eine Simpsonie des Grauens”. Wie immer für die Halloweenausgabe, geben sich auch diesmal bekannte Zeichner und Texter die Klinke in die Hand. In diesem Fall heißen die Kreativen Zander Cannon und Gene Ha (beide bekannt geworden mit “Top 10″). In grün-braunen Bildern, die an alte Stummfilme erinnern, wird der olle NOSFERATU-Klassiker so richtig zerfleddert. Übrigens ganz ohne Sprechblasen, aber ganz standesgemäß mit Zwischentitel. Die Story, in der sich Batholomäus zum Anwesen des Grafen Burlock aufmacht, ist bis auf die Pointe zwar nur wenig witzig, dafür aber umso atmosphärischer.
“Marsh of the Dead” kommt dagegen in gewohnt knalligen Farben daher. Die Story ist konfus: Marge verletzt sich bei einem Lichtschwerterkamp und mutiert zum Zombie. Der beste Gag sind zwei Grabsteine auf dem Friedhof: Auf dem einen steht “VHS – Betamax’ langsamer Bruder”, unter dem anderen liegt “MySpace – wir haben dich kaum gekannt” begraben. Viele weitere Zitate und Bezüge sind in der Story versteckt. In Szene gesetzt haben sie Jane Wiedlin und  Bill Morrison.
Die beste Story kommt zuletzt: “Ernte des Grauens” ist richtig schön trashig! Bart kauft auf dem Flohmarkt ein altes Horrorheft aus den fünfziger Jahren. Damals machten EC-Comics den Horror richtig populär. Logo, dass es daher viele Nachahmer gab. Da die richtig guten Zeichner und Texter aber alle schon bei EC angeheuert hatten, blieben für die anderen Verlage nur die zweit- und drittklassigen über. Für die “Ernte des Grauens” zeichneten die Allerschlechtesten verantwortlich, und der Reiz dieser Story liegt darin, dass seitenweise aus dem Heft zitiert wird – gar nicht mal so übel! Der Clou des Ganzen: In Barts Comic fehlt die allerletzte Seite, und so macht er sich auf die Suche danach! Super in Szene gesetzt von Milton Gruntle, Slim Davenport und Jeremy Dosh!
Fazit: Einmal “Geht so”, ein kleiner Durchhänger und eine absolute Hammergeschichte – das verpflichtet letztlich zum Kauf! Und wem die 3 Euro 20 zu teuer sind, der kann wenigstens die beiliegende Stickertüte ja demnächst vor irgendeinem Schulhof weiterverscherbeln.

PHANTAST: Sonderausgabe Frankfurter Buchmesse 2012

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Vordergründig ist der PHANTAST nur ein Online-Magazin rund um das phantastische Genre. In Wahrheit ist es eindeutig das schönste! Jede der bisherigen Ausgaben bestach bisher durch exzellentes Artwort. Aber auch der Inhalt versteckt sich nicht hinter schönen Bildern oder Worthülsen, sondern ist sehr fundiert und vor allem mit Herzblut geschrieben. Dahinter stecken hauptsächlich Judith Gor und Jürgen Eglseer, die das Ganze koordinieren und mit ihren eigenen Beiträgen ein hohes Niveau vorgeben, was sowohl den Informationsgehalt wie den Unterhaltungswert betrifft.
Erstmals liegt nun eine Ausgabe des PHANTASTEN in gedruckter Form vor: Die Sonderausgabe zur Frankfurter Buchmesse wurde dort kostenlos verteilt. Zunächst einmal begeistert mich, dass sich der Qualitätsgedanke auch im Druck widerspiegelt. Die achtundvierzig Seiten sind durchweg vierfarbig gestaltet, und bereits das von Michael Marrak gestaltete Titelbild ist eine Augenweide. Science Fiction ist für mich immer etwas Düsteres, dieses Cover stellt mein Weltbild auf den Kopf: Es ist leicht und licht und von einer bizarren Ästhetik, wie sie nur Michael Marrak beherrscht.
Der Inhalt dreht sich – wie es das Thema vorgibt – hauptsächlich um die Messe, wobei auch die vergangene Büchermesse in Leipzig kurz gestreift wird. Für alle, die dieses Wochenende nicht in Frankfurt sind, ist der PHANTAST ein toller Ersatz: Die vielen zitierten Stimmen und Stimmungen ergeben zusammen mit den vorgestellten Büchern und Bildern ein rundum informatives Bild über die diesjährige Buchmesse und Buchmessen im Allgemeinen. Nicht aus der Sicht derjenigen, die dort ihre Lizenzgeschäfte machen, sondern aus der Sicht der Autoren, der Bücher- und Magazinmacher und Fans. Wobei ich vor allem Christoph Hardebusch zustimme: ein Tag in diesem Getümmel ist vollkommen ausreichend. Ich bin eh ein Fan der Leipziger Messe – aber ich mache ja auch keine Geschäfte ;-)
Meine Highlights im Magazin sind … ach, eigentlich alle Beiträge! Na gut: die Neuedition der James Bond-Bücher hat mich besonders interessiert.
Wer kein Heft ergattert hat, kann es hier online lesen:

http://fictionfantasy.de/phantast

… und scheißen auf die Volksarmee

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… heißt ein kleines, empfehlenswertes Büchlein von Ralf Alex Fichtner. Der Autor, bekannter Zeichner und Künstler, Jahrgang 1952, Ossi, wurde 1970 zur Volksarmee eingezogen. Es überrascht zunächst die Detailtreue, mit der sich der Autor erinnert – und dass, obwohl er sich, rechnet man die erzählten Episoden hoch, eigentlich im Dauersuff befunden haben musste. Und davon handelt eigentlich das gesamte Buch: Den Frust der täglichen Langeweile ertränken die Eingezogenen mit Alkohol – und daraus entstehen dann die absurdesten Situationen, die dann auch mal mit Arrest enden. Es wird nicht nur geschissen, es wird gepisst, gekotzt und rumgerüpelt, manchmal bis zur Grenze des Zumutbaren. Aber was heißt angesichts der Wirklichkeit schon zumutbar?
Das Erstaunliche an dem Buch ist, dass es mich, Jahrgang 1959, Wessi, eingezogen zur Bundeswehr 1980, direkt in meine eigene Wehrdienstzeit zurückkatapultiert. Erstaunt raubt man sich als Leser immer wieder die Augen: In Ost wie West, 1970 wie 1980 passierte die gleiche von Staatswegen gedeckte Schikane und Ausbeutung ganzer Jahrgänge junger Menschen. In Ost wie West die gleiche Öde, die gleiche Langeweile, der gleiche Frust, die gleichen Schikanen, die gleichen Ersäufnisse in Alkohol … Nur in einem unterscheiden sich Ralf Alex Fichtner und ich: Ich habe diese Alkoholexezesse meistens nicht mitgemacht. Dafür gab’s dann die passenden Bestrafungen. Zum Beispiel auf diese Art: “In meiner Stube zeigte ein Soldat , im zivilen Leben übrigens ein Russischlehrer, keinerlei Interesse an dieser wahrlich tollen Fête. Ein Chaot warf eine übriggebliebene Schüssel Kartoffelsalat über seinen Kopf an die Wand. Eigentlich hatte er aufs Gesicht gezielt. Trotzdem war der Russischlehrer samt Buch bekleckert …”

Insofern bleibt Ralf Alex Fichtners Text auf seine Art harmlos, kratzt eher an der Oberfläche als wirklich politisch zu werden. Dass der Autor, wie er selbst erkennt, eher Glück gehabt hat, von wirklich drastischen Strafen verschont geblieben worden zu sein., liegt denn auch in erster Linie daran, dass seine Aktionen fast ausschließlich im Suff erfolgten. Eine drakonische Strafe war zum Beispiel “ein halbes Jahr Schwedt”, das damalige für seine Härte berüchtigte Militärgefängnis der DDR. Aber, so Fichtner: “Besaufen konnte sich jeder bis zur Bewusstlosigkeit, nur durfte niemand den Arbeiter- und Bauernstaat und seine Repräsentanten  und Lakaien antasten.” Auch diese Aussage kann ich, was die Verhältnisse in der Bundeswehr 1980 betrafen, nur unterstreichen. Zumindest “links” durfte man nicht sein, über den Hitlergruß dagegen, zumal im volltrunkenen Zustand, wurde da schon eher mit mildem Lächeln hinweggesehen.

Hm, zum Ende des Buches wird es dann ein wenig langweiliger: Die immer gleichen Alkoholexzesse, die unweigerlich in irgendeine Katastrophe, Beinahe-Katastrophe oder in der Arrestzelle enden, sind irgendwann nicht mehr auseinanderzuhalten. Das ändert aber letztlich nichts am Lesevergnügen insgesamt.

Übrigens hat Ralf Alex Fichtner es mit 23 ganzseitigen Illustrationen “geschmückt”, und auch auf denen wird hauptsächlich gekotzt und getrunken.

Ach ja: Und noch eines klammert der Autor aus. Sex, Mädchen, Frauen und was es sonst noch so in dieser Richtung gab. Ich meine, wir schreiben immerhin das Jahr 1970! Das war bei uns, 1980, neben dem Alkohol eigentlich DAS Thema.

Also, Ralf, was war damit? Ich wette, da kommt noch was!

Ich zähle täglich meine Leichen (3)

Okay, den ersten Toten von der heutigen BILD-Titelseite kann man nicht mehr toppen: “Mann vom Mond im Meer bestattet!” Das hat wahre Größe, und ein Hauch Geschichte weht uns entgegen!
“8 Frauen bei Nato-Angriff getötet” wird gleich nebenan getitelt, und man erfährt so ganz nebenbei im Kleingedruckten, dass bei dem Angriff aber auch “45 Aufständische” getötet wurden. Wie immer man den Begriff “Aufständische” in NATO-Kreisen auch definieren mag.
Zu den 54 Toten auf der Titelseite kommen nur 7 weitere Leichen im gesamten Innenteil hinzu. Hat da jemand geschlafen? Da ist ja fast noch interessanter, dass William den Fotograf, der seine Kate nackt erwischt hat, “hinter Gittern sehen” will. Das hat doch was! Ein Schuss Rambo und Clint Eastwood gleichermaßen. Wer weiß, ob es da nicht auch noch Tote geben wird! Gesamtbilanz der heutigen BILD: 64 Leichen und ein Prinz, der vielleicht demnächst auf Fotosafari gehen wird: Mit dem Jagdgewehr!